Brain Drain

„Education means nothing. Everyone graduates from university here, almost everyone. So, what’s the use, everyone has a diploma, and if you have relations, and parents who work somewhere, they will employ you. If not, your university was for nothing, your diploma means nothing, and you can go on a cruiseship and become a waitress and … make money! The children have no goal in life. They have no idea what to do in the next two years or something. They just want to be rich. All of them want to be rich, and that is all.“
(Albertina, 40, Englischlehrerin, Rumänien)

Aus Sicht dieser Lehrerin besteht in Rumänien kein Zusammenhang zwischen Ausbildung und Lohn. Auch mit einem hohen Bildungsabschluss sind die Chancen gering, einen ausreichend gut bezahlten Beruf erlangen zu können, wenn man nicht die richtigen Verbindungen hat.

Was bedeutet es für eine Volkswirtschaft und deren Wachstum, wenn erworbene Bildung keinen zukünftigen Einkommenszuwachs für das Individuum bedeutet? Welchen Einfluss hat die Qualität und Zugänglichkeit des Bildungswesens auf den Wohlstand eines Landes?

“Investition in Wissen zahlt die besten Zinsen”
(Benjamin Franklin 1706 – 1790)

Bildungsökonominnen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, antworten darauf, dass Bildung und Wirtschaftswachstum positiv zusammenhängen. Sie unterscheiden dabei Humankapital und Sozialkapital.

Unter Humankapital, das „Unwort des Jahres 2004“, wird der zu Wissen geronnene Bestand an Bildung verstanden. Je höher das Humankapital einer Arbeitnehmerin, desto produktiver ist sie für ihr Unternehmen. Nach dieser Theorie führt eine gute Schulbildung dazu, auf dem Arbeitsmarkt einen höheren Lohn erzielen zu können, weil die Unternehmen nach Produktivität belohnen. Dieser höhere Lohn für eine bessere Ausbildung ist der private Bildungsertrag.

Bildung hat noch einen anderen Effekt: Wer in die Schule geht, lernt etwas über das Leben in der Gemeinschaft und hält sich eher an soziale Normen. Der soziale Ertrag von Bildung besteht also darin, dass beispielsweise die Kriminalitätsrate sinkt, Steuern gezahlt werden oder die Wahlbeteiligung wächst.

Laut dieser Theorie lohnt sich Bildung für das Individuum und für die Gemeinschaft. Daraus könnte man schließen, dass jede nationale Regierung nach einem möglichst hohen Bildungsstand zu streben hätte, Wirtschaftsverbände ein hochwertiges Bildungssystem fördern müssten, Schulen als attraktive Kapitalanlage angesehen werden sollten. Dass dies in vielen Staaten nicht der Fall ist, hängt mit dem politischen Kalkül zusammen. Die Zinsen, welche Bildung einbringen kann und welche schon Benjamin Franklin versprach, werden erst nach einem längeren Zeitraum sichtbar. Ein Zeitraum, der länger ist als eine Wahlperiode. Investitionen, die schnellere, wenn auch vielleicht weniger nachhaltige Erfolge versprechen, werden daher im politischen Machtspiel den Bildungsausgaben gegenüber bevorzugt.

Auch wenn jedes Bildungswesen in den drei Ländern, die wir untersucht haben, allein durch Höhe des jeweiligen Budgets und der von den Regierungen festgelegten Qualitätsstandards eine andere Ausgangslage hat, wurden uns durch unsere Beobachtungen zwei wichtige Problemfelder deutlich, die auf alle Nationen zutreffen können:

Zum einen müssen in einer Gesellschaft Perspektiven aufgrund von Bildung geschaffen werden: Wenn Jugendliche in dem Glauben aufwachsen, dass die Schule unwichtig für ihre weitere berufliche Zukunft ist, helfen auch keine hohen öffentlichen Bildungsausgaben. Der berufliche Weg eines jungen Menschen darf nicht durch Beziehungen, den sozialen Status oder das Einkommen der Eltern vorherbestimmt sein. Die individuelle Leistung muss das ausschlaggebende Kriterium für den Erfolg im Arbeitsleben darstellen.

Zum anderen sehen wir die Sicherstellung einer hohen inhaltlichen Qualität der Bildung als zu bearbeitendes Problemfeld an. Diese hängt zu einem großen Teil von der Qualität der Lehrkräfte ab.

Es war besorgniserregend, was wir über den Lehrerberuf in Rumänien erfahren haben: Ausgebildete Lehrerinnen wechseln häufig nach ein bis zwei Jahren den Beruf, weil sie es sich aufgrund der schlechten Bezahlung nicht leisten können, Lehrerin zu sein. Auch wenn die Lehrerinnen in Rumänien gut ausgebildet geworden sein mögen, gibt es wenige Anreize diesen Beruf überhaupt zu ergreifen und bei ihm zu bleiben. Nicht ausgebildetes Personal füllt entstehende Lücken. Qualifizierte Pädagoginnen gehen überall hin, nur nicht in die rumänische Schule.

„Unterricht geben ist keine Option, nicht für mich. Es ist immer das Geld, das einen antreibt. Immer diese Not… Zum Glück bin ich verheiratet, so kümmert sich mein Mann darum, dass wir finanziell klarkommen. Aber es ist nicht einfach… Ich denke nicht, dass es ein Geheimnis ist: Ich verdiene knapp 250 Euro, das ist gar nichts, wenn die Miete 150 Euro beträgt. Dazu müssen Rechnungen bezahlt werden, das Handy… Nun ja, man muss leben, aber wie? So ist es nicht möglich. Selbst wenn man eine Berufung dazu fühlt Lehrer zu sein, ist es unmöglich.“
(Lavinia, 45, Französischlehrerin, Rumänien)

Brain Drain: Go West

Die Lehrerin Lavinia wird nach Australien auswandern. In ein Land, in dem sie mit ihrem Beruf genug verdient. Wenn die wirtschaftliche Zukunft eines Landes mitbestimmt wird durch den Bildungsstand der jungen Generation, dann muss sichergestellt werden, dass die Lehrenden selbst ein hohes Bildungsniveau haben und dass sie motiviert sind ihren Beruf mit Verantwortung auszuüben. Wenn dies durch zu geringe Gehälter und widrige Arbeitskonditionen verhindert wird, verspielt ein Land seine Chancen auf Wachstum und breiten Wohlstand.

Lohnt sich Bildung oder lohnt sich Bildung nicht?

Person A: Wenn sich Bildung immer für das Individuum und für das Land lohnt: Warum lohnt sich denn dann Bildung in Rumänien nicht?

Person B: Bildung in Rumänien lohnt sich schon. Nur für die einzelnen Menschen ist der Ertrag davon in ihrem eigenen Land sehr gering. Die gebildeten Menschen gehen weg, weil ihre Arbeit in anderen EU-Ländern besser belohnt wird:

Eurolektionen: Was glaubt ihr, ist der Grund dafuer, dass die Situation sich in der letzten Jahren verändert hat und die Eltern mehr im Ausland gearbeitet haben?

“Kleine Lohne, hohe Preise. Man findet keine Arbeitsplätze mehr. Man brauch ueberall an der Unistudiert zu haben, um einen Job zu finden, aber die Lohne sind sehr klein. Es gibt viele Junge Menschen, die einen oder zwei Hochschulabschlusse haben, aber danach finden sie keinen Job. Und besser fahren sie ins Ausland, um da zu arbeiten und respektiert zu werden. Hier, wenn du etwas machen willst, verachten dich die anderen (lachen). Man studiert umsonst.”
(Ioana & Remus, 17, Rumänien)

Person A: Das Problem dabei ist also, dass sich Bildungsinvestitionen nicht für den rumänischen Staat lohnen. Wenn die Leute, die gebildet sind, nach der Schule ins Ausland gehen, hat der Staat keinen Nutzen von dieser Bildung, der soziale Bildungsertrag von den Investitionen in diese Schüler liegt dann bei Null. Bildung bringt also nichts, wenn die Leute weggehen, wenn alle denken wie diese Schülerin, die sagt:

“Ich liebe mein Land, aber wenn es mit mir nicht gerecht ist, dann kann ich hier auch nicht arbeiten. Jeder für sich selbst.”
Ioana, 16, Rumänien

 

Person B: Ja, einerseits ist der rumänische Staat zu arm, um qualitativ hochwertige Bildung finanzieren zu können, das haben wir ja an den Zahlen vorhin gesehen. Auf der anderen Seite würde es sich für Rumänien zur Zeit auch nicht lohnen mehr Geld in Bildung zu stecken, weil es den starken Brain drain, den Weggang gut qualifizierter Arbeiter, gibt.

Person A: Samuel Bowles, ein Bildungsökonom meint , dass die herrschenden Verhältnisse in der Schule verstärkt werden und damit viele Menschen von einer Beteiligung am gesellschaftlichen Fortschritt ausgeschlossen werden.Verschärft und marxistisch ausgedrückt: Die Bourgeosie benutzt Bildung, um die Arbeiterklasse zu kontrollieren. Auf diese Weise erklärt die Struktur des Bildungssystems soziale Ungleichheit, meint Bowles.

Person B: Warum sollte uns denn Bowles hier was sagen können? Ich sehe keinen Zusammenhang mit der Bildungsfrage in Rumänien und Europa.

Person A: Meiner Meinung nach würde Bowles sagen: es läuft im Moment so, dass es eine ziemlich ungerechte Arbeitsteilung zwischen dem mittel-westlichen Europa und dem östlichen Europa gibt. Einfach gesagt: Im Westen wird gebildet und geforscht, im Osten wird billig produziert und die Leute werden dumm gehalten. Vielleicht haben viele Industriezweige und nationale Regierungen auch ein Interesse daran, dass das Bildungssystem vor allem in Osteuropa erstmal so schlecht bleibt. Denn wo bekommt man denn sonst billige, weil unqualifizierte Arbeiter her? Rumänische Arbeiter bieten niedrige Löhne und unqualifizierte Arbeit an. Ihr persönlicher Vorteil ist: Sie gehen nach Spanien und machen dort die Arbeit, für die die Spanier überqualifiziert oder zu faul sind.

Person B: Hast du denn einen Lösungsvorschlag, um von der jetzigen Situation wegzukommen?

Person A: Man müsste z.B. Rumänien Zeit lassen sich Vorteile im Bereich von qualifizierterer Arbeit aufzubauen. Das könnte eine Art infant industry-Projekt, also ein “volkswirtschaftlicher Welpenschutz”, sein: Zeitweise könnte man den Handel mit anderen Staaten soweit einschränken, dass wieder eine Nachfrage nach gebildeten Leuten entsteht. Wenn das Bildungsniveau und damit das Humankapital in dem Land steigt, wird Rumänien international wettbewerbsfähiger.

Person B: Also Protektionismus einführen? Das sehe ich kritisch. Protektionismus kann zu Stillstand führen. Da ist die Meinung des schwedischen Schülers sympathischer:

“I would think it’s good to get more educated people in Romania, especially to get let them go abroad, you know, in a really internationalized economy, perhaps they could bring back some of the ideas, some of the experience they have learned abroad and bring it back to their own country.”
Lasse, 18, Schweden

 

Es kann also auch sein, dass die Rumänen, die ins Ausland gehen, dort Wissen sammeln, zurück nach Rumänien kommen und dann dort Dinge verändern können.Bildung kann sich also doch lohnen: Sie lernen in Rumänien, sind dann fit für den europäischen Arbeitsmarkt, sammeln Arbeitserfahrung im Ausland und setzen dann ihr Humankapital zu Hause ein.

Person A: Natürlich gibt es Leute in Rumänien, die einen Anspruch haben etwas zu lernen. Um die mache ich mir keine Sorgen. Ich habe Angst um die Jugendlichen, die keinen Wissensdurst mehr haben, die nicht mehr lernen, die in dem Glauben leben, dass Schule unwichtig ist für ihre Lebensperspektiven, die denken, dass es keine Alternative zur Kellnerin am Flughafen Heathrow oder zum Erdbeerpflücker in Spanien gibt.

Diese Kinder hat Europas Schule verloren.

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