Adorno: “Das Ganze ist das Unwahre”?!

Was war eigentlich unser eigener herrschaftlicher Diskurs? Warum stellten wir diesen nicht in Frage?
Wir haben systematisiert, kodiert. Beweise gesammelt, Aussagen bewertet. Immer auf der Suche nach der Wahrheit. Wir haben Schüleraussagen auf die Übereinstimmung mit unserem Verständnis der Welt, mit unserem Glauben an Solidarität, Kooperation und die Veränderbarkeit von Politik, mit unserem Bild von Europa, verglichen.

„ …Ich suche Wahrheit.
Ich suche Klarheit.
Mein Verstand ist unbestechlich.
Ich studier’ das Positive.
Ich bin niemals oberflächlich.
Ich seh’ immer in die Tiefe.
Denn ich sammle die Beweise und bewerte die Motive.
Ja, ich dien’ in jeder Weise nur dem Fortschritt und der menschlichen Kultur.“

(Jim Steinman & Michael Kunze, Der Tanz der Vampire: Wahrheit)

Wir haben versucht in unseren Matrizen und Kodingtabellen Wahrheit und Klarheit zu finden. Für die menschliche Kultur?! Die menschliche Kultur, die persönliche Erfahrung, der menschliche Ausdruck hat während des Systematisierens, des Kodierens und Messens keine Beachtung erfahren. Wir stellen uns die Frage: Ist unser „Ganzes“ unwahr? Ist der universelle Maßstab, den wir anlegen, totalitär? Kann man individuellen Ausdruck und persönliche Erfahrung überhaupt messen und vergleichen?
Wir haben darüber gestritten, ob die Welt einer objektiv existierenden Maschine gleicht, dessen Mechanismen und einzelne Zahnräder es zu verstehen gilt. Oder besteht die Welt aus einer unvergleichlichen Subjektivität, aus dem persönlichen Erleben, Sprache?

Die kontroversen Diskussionen, die zwischen Positivismus und Interpretation, zwischen Moderne und Subjektivität verliefen, brachten uns zu der Erkenntnis, dass eine lebenswerte Welt von beiden Seiten betrachtet werden muss: Die Zahnräder, die komplexen Abstraktionen und Abhängigkeiten können nicht ignoriert werden. Ein Unverständnis hier ist Verrat an den Schwachen, deren Lebenswelt von der Abwesenheit der Eltern, schlechter Ausbildung und gewaltiger wirtschaftlicher Transformation geprägt ist. Allein die Gesellschaftsmaschine mit ihren Zahnrädern zu verstehen, verspricht keine lebenswerte Welt. Menschen wollen auch fühlen, singen, tanzen und sprechen, sie wollen Kunst und Musik schaffen. Die Zahnräder müssen im Dienst des Menschen stehen, ohne dass der Mensch selbst zu einem Zahnrad wird. Beide Perspektiven begrenzen einander, sie bringen einander in die Balance. Die Zahnräder erschaffen die materiellen Bedingungen für Subjektivität und individuellen Ausdruck. Die Stimme der Subjektivität erinnert uns daran, zu welchem Zweck wir die Maschine betreiben. Sie kann unseren manchmal hybrischen System- und Maschinenglauben entlarven.

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