Das beste Argument gegen Demokratie: Ein Fünf-Minuten-Gespräch mit einer Schülerin?

Unsere Schülerinnen leben also in einer Welt, die Leben und Orte stets enger verknüpft, eine Welt, die nicht einfacher wird und sich ständig wandelt.

„Die Politik gleicht der Sphinx der Fabel: Sie verschlingt alle, die ihre Rätsel nicht lösen.“
(Antoine de Rivarol 1753 – 1801)

Es ist eine Welt, deren Wirtschaften Wohlstand schöpft, aber Ungleichheit säht. Eine Welt, deren mächtige Abstraktionen auch die Lebenschancen derer prägen, die nicht gefragt wurden und nicht verstanden haben. Wir haben gefragt und gelernt: unsere Schülerinnen verstehen, sie missverstehen und sie verstehen gar nicht.

Wir fragen, warum es in Kroatien so anders, so viel ärmer ist als in Schweden. Ole (18, Schweden) sagt, es liege an Ausbildung, Korruption, Infrastruktur. Lina (17, Schweden) glaubt, es liege am Balkankrieg, der habe viel Geld gekostet. Wir hören viel Schweigen, viel Ratlosigkeit. Wir hören auch, einmal, von Lars (18, Schweden) die Handelstheorie der Faktorausstattungen, als er uns erklärt, warum eine Milliarde Euro in Bulgarien mehr verändert als in Schweden. Wir hören von Justus (19, Deutschland) wortgewandt, dass soziale Marktwirtschaft doch irgendwie im Zusammenhang mit Subsidiarität steht. Wir fragen, ob es fair ist, dass man in Rumänien weniger verdient als anderswo und hören:

„We did this to ourselves.“
(Cailin, 17, Rumänien)

Es ist offensichtlich, es wird nicht das Gleiche verstanden, es wird nicht viel verstanden. Es sind wenige, die verstehen, wie Markt und Staat in Balance sein können, wenige, die Umverteilung und Wettbewerb als Alternative begreifen. Die meisten unserer Schülerinnen fragen nicht, was diese Abstraktionen mit ihren Lebenschancen in einem Transformationsland Rumänien oder einem Wohlfahrtsstaat Schweden zu tun haben. Sie haben keine Ahnung, welche Antworten auf diese Fragen sie wählen würden, im Gespräch und an der Wahlurne.

„Setzen, falsch!?“
(Eurolektionen)

Wir haben ein bisschen Lehrerin gespielt und mit Methode geflunkert. Wir haben die in einer offenen Diskussion arglos formulierten Beiträge der Schülerinnen bewertet. Wir waren überrascht von der enormen Bandbreite an Antworten. Wir fühlen uns aber bestätigt, weil die Ansprüche teilweise erfüllt wurden.

Es scheint nur, unsere Schülerinnen denken wirklich nicht gleich, genauer: sie denken nicht gleich gut.

Es ist hässlich das zu schreiben. Auf den ersten Blick scheint es arrogant, hierarchisch, als beleidige dieser Befund (Rosenberg 2002) die Gleichheit der Menschen. Das ist nicht unsere Absicht.

Emanzipation und Gleichberechtigung bedeuten, sich auch um die Gleichheit der Fähigkeiten zu sorgen. Wenn wir möglicherweise grundsätzlich ungleiche kognitive Fähigkeiten aus politischer Korrektheit wegzensieren, dann stecken wir den Kopf in den Sand.

Gibt es wirklich Alpha-, Beta- und Gamma-Schülerinnen? Wir wissen weder was stimmt, noch was angeboren oder anerzogen ist. Aber wir schauen auf Veränderbarkeit. Gibt die Schule die Chance für die kognitive Entwicklung politischer Urteilsfähigkeit? Unsere Schüler sind unser Beleg. Im Moment, so unser Eindruck, werden viele Chancen vertan.

One thought on “Das beste Argument gegen Demokratie: Ein Fünf-Minuten-Gespräch mit einer Schülerin?

  1. Pingback: Eurolektionen-Ergebnisse: Jetzt Online und als Buch | Max Held's Blog

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