Identitäten: Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Diskutiert man über Europa, kommt man an dem viel beschworenen, bedeutungsschweren Wort „Identität“ nicht vorbei: Wer sind wir eigentlich? Was ist eine „europäische Identität“?

“Ich weiß nicht, ob ich Deutsche oder Italienerin bin.”
(Maria, 18, Deutschland)

„Wir müssen dazu kommen, uns nicht als Berliner, Deutsche zu verstehen, sondern als Europäerinnen und Europäer.“
(Birgit, 46, Politiklehrerin, Deutschland)

Ein schwedischer Geschichtslehrer hingegen betont, dass es keine solche europäische Identität gibt, dass es sie niemals geben wird. Vielmehr sollte es um ein tiefergreifenderes Verständnis des Anderen gehen.

„A European identity is not possible. It should not be the aim to get to an European identity, but to an understanding.”
(Per, 52, Wirtschaftslehrer, Schweden)

Aber was ist eigentlich Identität? Ein janusköpfiges Konzept. Identität schrumpft die Zusammenhänge unserer Existenz auf Lebensgröße; wir fühlen uns zugehörig, gemeinsam stark. Identität wird leicht exklusiv. Wir schärfen sie oft gegen the Other. Von identitärer Unterschiedlichkeit und Zugehörigkeit zu Diskriminierung und Rassismus ist es manchmal ein kurzer Weg.

„Wir wissen nicht was es ist, aber es ist konstruiert.“
(Simon Müller, Kollegiat des Studienkollegs zu Berlin 2008/2009)

Aus diesem Grund schlagen wir vor: Identität ist immer konstruiert, sie ist immer ein Projekt. Wir leben nicht in Gruppen, die größer und bedeutungsvoller sind als unsere Freunde und Familie. Gruppierungen in Nation, Rasse, Geschlecht sind aber soziale Konstruktionen; oft genug haben “identitäre Unternehmerinnen” ein Interesse daran, den erdachten Gruppierungen symbolisches Leben einzuhauchen (Brubaker 2002). Oder sie leben als Echos vormaliger, realerer Trennungen fort, ungestört durch unsere Trägheit und die Pfadabhängigkeit gesellschaftlichen Wandels (Tilly 1998). Und natürlich entfalten auch fiktionale Gruppierungen, wie jede soziale Institution, eine fast greifbare Realität. Sie schränken uns ein und sie ermöglichen es uns Dinge zu tun. Wir tasten uns, wie Pantomimespieler, an ihren unsichtbaren Wänden entlang, die wir gleichfalls erschaffen und die uns Halt geben. Nur sind es eben keine echten Wände, keine echten Grenzen. Sie sind, was wir erklären wollen, nicht womit wir erklären. Wir schlagen vor: Identität ist ein Spiel. Wir tun so, als wäre sie real, weil sie unser Erleben bedeutsamer, einfacher, greifbarer macht. Ein Spiel, mit dem wir aufhören müssen, wann immer es ernst wird.

One thought on “Identitäten: Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

  1. Pingback: Eurolektionen-Ergebnisse: Jetzt Online und als Buch | Max Held's Blog

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